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Fachtagung

Bei uns ist jetzt Schluss?! – Haltequalität in der Erziehungshilfe

 "Sprengen sie das System oder wurde in den Seelen dieser Kinder und Jugendlichen nicht schon zuvor etwas gesprengt - durch Gewalterfahrungen, durch Vernachlässigung oder Missbrauch?" fragte Michael Eibl, Vorsitzender des Landesverbands katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe (LVkE), in seinen einführenden Begrüßungsworten die 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im gefüllten Saal der Continental Arena. "Bei solch komplexen Fragestellungen ist es das A und O zu einer gemeinsamen Verständigung zu gelangen, Brücken zu bauen und sich gemeinsam, vor allem auch mit den Betroffenen, weiter zu entwickeln."

Klaus Schenk, stellv. Referatsleitung des Referates Jugendhilfe des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales bedankte sich in seinem Grußwort ausdrücklich für die Vermeidung des Begriffs "Systemsprenger" bei der Auswahl der höchst aktuellen Themenstellung. Seiner Ansicht nach benötigt diese Zielgruppe insbesondere "Verlässlichkeit und Beziehungskontinuität sowie ein zu den jungen Menschen Halten von Seiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in schwierigen Situationen."

In den anschließenden Plenumsvorträgen stellte Prof. Dr. rer. nat. habil Michael Macsenaere, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz, wissenschaftliche erhobene Daten aus der EVAS Studie dar,  die eindeutig belegen, dass die Dauer und die Intensität einer jeweiligen Hilfemaßnahme ausschlaggebend für ein Gelingen sind - gerade bei den sogenannten Systemsprengern. "Dabei erweisen sich nach diesen Auswertungen die spezifischen Angebote, wie intensivpädagogische Heimgruppen, intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung (ISE) und geschlossene Unterbringung (GU), für schwierige junge Menschen nochmals erfolgreicher als die der teilstationären (§32 SGB VIII) und stationären (§34 SGB VIII) Hilfen", erklärte er. "Sie weisen zudem schon sehr frühzeitig merkliche Effekte auf, die bereits nach 18 Monaten und damit frühzeitiger als andere Hilfearten ihr Maximum erreichen."

Gruppenbild

Dr. Volker Sgolik, Diplom-Sozialpädagoge (FH), Diplom-Pädagoge (Univ.) und Gesprächstherapeut leitet seit 2017 das Amt für Jugend und Familie der Stadt Regensburg. Dr. Volker Sgolik ist Mitglied im Landesjugendhilfeausschuss und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Oberpfälzer Jugendamtsleitungen. Er erläuterte mögliche entsprechende Konsequenzen für ein fallverantwortliches Jugendamt - hier am Beispiel der Stadt Regensburg. "Gemeinsam heißt interdisziplinär, individuell, Spiralen des "Viel hilft viel" durchbrechend neue Wege in gemeinschaftlicher Verantwortung gehen, wobei man genau hinschauen muss: Was braucht das Kind oder der Jugendliche, was ist im Moment möglich? Der Blick soll sich ebenso auf das Personal richten; auch die Fachkräfte müssen geworben, gehalten und unterstützt werden", sagte er.

"Gelingende Kooperationen setzen ein gegenseitiges Verständnis für die Möglichkeiten und Grenzen der jeweiligen Fachgebiete voraus", erklärte Prof. Dr. med. Romuald Brunner, seit Juli 2018 Lehrstuhlinhaber und Ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Regensburg am Bezirksklinikum Regensburg und Chefarzt am Zentrum Regensburg, anschließend. "Ein Verständnis für die Entwicklungsbedingungen kinderpsychiatrischer Erkrankungen sowie die Möglichkeiten klinisch-therapeutischer Interventionen erscheinen unabdingbar, um auch Übergänge in pädagogisch-therapeutische Versorgungsstrukturen zum Gelingen zu bringen."

Frank Baumgartner, Gesamtleiter des Kinderzentrums St. Vincent in Regensburg und Mitglied im Vorstand des Landesverbands katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe in Bayern (LVkE) erzählte von Momenten des Scheiterns, der Ratlosigkeit, aber auch des Gelingens. "Obwohl manche Kinder und Jugendliche nicht mehr "haltbar" sind, werden sie über alle Grenzen hinaus "gehalten", weil die Einrichtung und/oder die Mitarbeitenden den jungen Menschen nicht aufgeben wollen. Das klingt in jeder Hinsicht richtig, doch vergisst man dabei häufig den "Preis", den die anderen betreuten Kinder und Jugendlichen und die Mitarbeitenden dafür zu entrichten haben. Es stellt sich die Frage, ob das "Halten durch Haltung" in solchen Situationen zwangsläufig der richtige Weg ist", fragt er zu Beginn seines Vortrages. Er zeigte auf, durch welche fünf zentralen Punkte - Differenzierung, Qualifizierung, Zusammenarbeit, Flexibilität und Deeskalation - sie in St. Vincent versuchen Lösungen zu finden.

Besonders beeindruckend war der Abschlusstalk. Drei ehemalige Heimkinder berichteten von ihrem Werdegang, den verschiedensten Abbrüchen in ihrem jungen Leben und dem, was Ihnen geholfen hat. Interessant war, dass alle drei äußerten, dass die Zeit in der jeweiligen Einrichtung für sie wichtig und wertvoll war. Diese Zeit hat sie dabei unterstützt, ihren ganz eigenen "gelingenden und für sie stimmigen Weg" zu finden.

Fazit: Es geht insgesamt darum, immer wieder auf unterschiedlichen Wegen die Vielfalt der Menschen, ihre Individualität und ihre Kompetenzen als Ressource zu sehen. Letztendlich ein biografischer Ansatz, der Licht- und Schattenseiten beleuchtet. Was heißt das nun für die Mitarbeitenden? Wie können Sie Verlässlichkeit und Beziehungskontinuität gewährleisten? Wie kann ein Team dabei unterstützen, schwierige Situationen auszuhalten und zu bewältigen? Diese und weitere Fragestellungen könnten potentielle Themen für gemeinsame, interdisziplinäre Fortbildungen - und vielleicht sogar zukünftig gesehen interdisziplinärem Fachteams? - sein.

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