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Fachtagung

„Eine Geschlossene Unterbringung darf niemals zum Selbstzweck dienen!“

"Man fühlt sich am Anfang erstmal eingesperrt, man hat viele Emotionen, viel Wut auf die Familie, das Jugendamt, die Betreuer", beschreibt Jessica (Name geändert), ihre Gefühlswelt beim Ankommen in der Sozialtherapeutischen geschlossenen Clearingstelle in Birkeneck. Erstaunlich souverän berichtet die 16-jährige, zusammen mit drei Weggefährtinnen, dem aufmerksamen Auditorium von ihrem weiteren Werdegang in der LVkE-Mitgliedseinrichtung: "Die Gruppe wird mit der Zeit wie eine kleine Familie. Man ist stolz, wie weit man gekommen ist". Diesen merkt man den Mädchen, die mittlerweile in offenen weiterführenden Gruppen im Jugendwerk untergebracht sind, deutlich an.

Auch wenn der geschlossene Rahmen bei vielen der untergebrachten Jugendlichen zu Beginn der Maßnahme erst einmal negative Emotionen wie Wut und Trauer auslösen kann, so ist es Otto Schittler dennoch wichtig, dass die jungen Menschen schon von Anfang an merken, "dass Sie bei uns nicht abgeschottet werden", denn "wir müssen für die Kinder eine Motivation schaffen, dass sie an der Jugendhilfe teilnehmen, sich mit unseren Mitarbeitern, ihrem Umfeld und vor allem mit sich selbst auseinandersetzen", so der erfahrene Heimleiter.

Und um diese wichtige Entwicklung zu fördern, wird mit den jungen Bewohnern schon nach kurzer Zeit an einer individuellen und strukturierten Öffnung Richtung "Freiheit" gearbeitet.
Jonathan Hölzle, Psychologe auf der geschlossenen Gruppe, ergänzt in diesem Zusammenhang, dass einige der Jugendlichen den besonderen Rahmen der Einrichtung auch als Schutz zu wertschätzen wissen - manchmal vor sich selbst, oft vor ihrer alten belastenden Lebenswelt.
Mitunter aus diesem Grund ist es "geknickten Pflänzchen" wie Jessica möglich, langfristig "hier Wurzeln zu schlagen". So erscheint es als logische Konsequenz, wenn eines der Mädchen mit dem Brustton der Überzeugung sagt: "Birkeneck ist mein Zuhause geworden. Ich fühle mich hier wohler als daheim".

Der Begriff "Freiheit" stand auch im weiteren Verlauf der Fachtagung im Fokus: Denn Geschlossene Unterbringung bzw. freiheitsentziehende Maßnahmen, wie sie bayernweit seit Jahren neben Birkeneck in zwei weiteren Clearingstellen in Würzburg und Regensburg angeboten werden, können nur von einem Gericht angeordnet und auf dessen Weisung durchgeführt werden. Und für die Judikative ist, neben der pädagogischen Sinnhaftigkeit und Alternativlosigkeit, auch die Reglementierung der Maßnahme von großer Bedeutung: "Es gilt zu beachten, wo sind die Grenzen der Freiheit bei einer Geschlossenen Unterbringung? Und wann ist eine geschlossene Unterbringung nicht mehr notwendig?", konstatiert Manuela Stangl, Richterin am Amtsgericht Freising, in ihrem Impulsvortrag mit dem Titel "Freiheit(en) trotz geschlossener Unterbringung - rechtliche Aspekte, insbesondere bei Ausgängen zur Erprobung".
Dass vor allem Letzteres eher in einer "gesetzlichen Grauzone" zu verorten ist, zeigt sich in der anschließenden Diskussion mit den Zuhörern: ""Es gibt bisher keine gesetzliche Regelung bzw. gültige Rechtsprechung für den Erprobungsausgang bei der geschlossenen Unterbringung von Kindern und Jugendlichen", so Richterin Stangl. Vielmehr seien hier individuelle Einzelfallentscheidungen auf pädagogischer Basis von den Einrichtungen selbst zu treffen.

Neben dem rechtlichen Fundament, das von Seiten der Gerichte geschaffen wird, ist auch eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit von Kinder- und Jugendhilfe mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie ein entscheidender Aspekt, um das Gelingen einer stationären Maßnahme zu gewährleisten. Denn beide Disziplinen "profitieren voneinander", so Otto Schittler, und eine enge Vernetzung "kann Abbrüche von Maßnahmen verhindern".
Dem kann Frau Dr. Nadine Schaaff vom kbo-Heckscher-Klinikum München nur zustimmen. Die psychiatrische Fachärztin betreute jahrelang konsiliarisch die geschlossene Clearingstelle Birkeneck und verfügt daher über einen reichhaltigen Erfahrungsschatz, den sie nun den Tagungsteilnehmern vermittelt. So sei es vor allem wichtig, auch die Perspektive der Jugendlichen miteinzubeziehen. Denn wenn die Jugendlichen das Setting als Hilfe für sich anerkennen können und das Gefühl haben, es aktiv mitgestalten zu können, kann dies zu einem wichtigen Wirkfaktor werden. Nur auf diesem Wege kann es zu Erfolgen kommen, wie Sie Frau Dr. Schaaff anhand einer aktuellen Studie belegen kann. Diese besagt, dass 4/5 der Jugendlichen, die eine Geschlossene Unterbringung durchlaufen haben, haben ausgesagt, dass ihnen diese Zeit etwas gebracht habe -  eine Zahl, die Mut macht!

Das Jugendwerk Birkeneck, 1925 von den Herz-Jesu-Missionaren ins Leben gerufen, stellt jungen Menschen vielfältige Angebote erzieherischer und schulischer Hilfen sowie sozialpädagogisch begleitete Berufsausbildungen zur Verfügung. Die geschlossene Sozialtherapeutische Clearingstelle wurde 2006 eröffnet und seitdem fachlich und konzeptionell konstant weiterentwickelt.
Mehr zur Arbeit der Einrichtung finden Sie unter
www.birkeneck.de