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Landesverband katholischer Einrichtungen in der Erziehungshilfe (LVkE) verdeutlicht Handlungsbedarf beim Thema junge volljährige "Care Leaver"

Kinder und Jugendliche haben laut § 41 des SGB VIII bis einschließlich ihrem 26. Lebensjahr einen Anspruch auf zumindest bedarfsorientierte Begleitung ihrer lebenspraktischen Anfordernisse. Darunter zählen beispielsweise Unterstützung in Ausbildungsplatz-, Arbeits- oder Wohnungsfragen, oder auch Schwierigkeiten in verschiedenen Antragsstellungsthemen,- elementar für sie zum Erreichen sozialer Teilhabe. 

Der Jugendpolitische Sprecher der SPD Herbert Woerlein, MdL, war am vergangenen Freitag mit zahlreichen Vertretern katholischer Jugendhilfe-Einrichtungen des Landesverbands für Katholische Einrichtungen in der Erziehungshilfe (LVkE) erneut zu einem Fachgespräch in der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Einrichtungen und Dienste der Diözese Augsburg zusammengekommen. 

Brennendes Thema diesmal: die Situation der "Care Leaver". "Care Leaver", das sind Heranwachsende und junge Erwachsene, die durch Erreichen des 18. Lebensjahres aus der geschützten Atmosphäre einer Heimerziehung, eines betreuten Wohnens oder aus anderen Formen der Fremdunterbringung herausfallen. Im Anschluss sehen sie sich zahlreichen Herausforderungen völlig alleine gegenüber und sollen ohne weitere Hilfestellung von Erwachsenen lebenspraktische Dinge, beispielsweise Ämtergänge, Ausbildungs- und Arbeitsplatzsuche, Wohnungssuche, oder auch das Pflegen eines sozialen Netzwerkes selbständig meistern können. 

Da diese herangewachsenen Kinder sehr häufig in ihrem unmittelbaren Umfeld niemanden haben, der ihnen in alltagsrelevanten Fragen zur Seite stehen könnte und sie deshalb über eine gesetzlich definierte Lösung in ihrem noch nicht abgeschlossenen Erwachsenwerden unterstützt werden müssen, stellt sich dies auch für Herbert Woerlein als sehr dringliches Anliegen dar: MdL Woerlein sieht die "Care Leaver" und ihre Probleme als anschauliches Beispiel dafür, dass die soziale Schere immer weiter auseinandergehe. "Es muss parteiübergreifend Konsens sein, dass diese jungen Leute unsere volle Unterstützung brauchen. Auf mich können Sie als Unterstützer in vollem Umfang zählen."

Studien zeigen ohnehin, dass selbst Kinder, die in "normalen Herkunftsfamilien" aufgewachsen sind, bis hin zum 29. Lebensjahr des Öfteren von zu Hause in der ein oder anderen Frage Hilfe benötigen und annehmen, oder sogar dort vorübergehend wieder einziehen.  Die Phase des Erwachsenwerdens wäre zudem generell heute deutlich nach hinten verschoben, ergänzte Gabriele Ranz, Geschäftsführerin der AGkE Augsburg. 
 
Per Gesetz haben Kinder und Jugendliche im SGB VIII zwar im Bedarfsfall einen Anspruch auf Hilfe bis hin zu ihrem 26. Lebensjahr, doch in der Praxis gibt es weder eine definierte Anlaufstelle für sie, noch erreichen sie meist allein, was lediglich durch bloße Begleitung eines Erwachsenen für sie erreichbar wäre, beziehungsweise ihnen zusteht. 
Die Realität sieht oft wie folgt aus: Sehr häufig wird von diesen, gerade mal volljährig gewordenen jungen Menschen Hilfe benötigt und gerne angenommen - das Heim ist für sie mit Erreichen des 18.Lebensjahres zwar offiziell nicht mehr zuständig, doch wo bleiben diese jungen Menschen, wer unterstützt sie in lebenspraktischen Dingen, wo leben sie?

So sind zahllose ehemalige Schützlinge konfessioneller wie freier Einrichtungen in ganz Bayern von ungeklärter Weiterbegleitung nach Erreichen ihrer Volljährigkeit betroffen. Inzwischen finden sich sogar vereinzelt 16-jährige in der Situation wieder, ganz alleine zurechtkommen zu müssen. "Früher", erläutert die Geschäftsführerin des LVkE Petra Rummel, "war eine Nachbetreuung klar vom pädagogischen Konzept her definiert, hinzu kommt erschwerend, dass eine Entwicklungsverzögerung, wie sie Dr. Lüders im 15. Kinder- und Jugendhilfebericht beschrieben hat, heute bis hin zum 25. Lebensjahr zu beobachten ist."  

Diese drastische Bedarfslage hat inzwischen das Don-Bosco-Jugendwerk in Bamberg ernstgenommen und das Projekt "Coraggio" ins Leben gerufen. 
Dieses unterstützt mit Personal Power, ausschließlich finanziert aus Mitteln einer privaten Stiftung, betroffene Jugendliche und schließt damit zwar beispielhaft Lücken gesetzlicher Umsetzung, verdeutlicht damit aber umso mehr, dass hier gesetzliche Vorschriften klar vorgegebene Strukturen brauchen - und die Situation dieser jungen Menschen grundsätzlich von Gesetz wegen zu regeln ist. 

Denn die Kinder kehren als junge Volljährige -und älter- nicht nur häufig in die Einrichtung zurück, sondern sind in der Lage, mit einem gewissen Maß an Rückhalt zielgerichteter, und damit erfolgsversprechender zu agieren - und sei es nur durch eine kleine, aber für sie alles entscheidende Unterstützung im Hintergrund. 

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