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Es geht nur aktiv, es geht nur (digital) miteinander!

 So richtig und wichtig der Weg hin zu einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe auch sein mag, so groß sind aktuell noch die Stolpersteine und Hürden. Denn in letzter Konsequenz bedeutet dieses Vorhaben nichts Geringeres als die Zusammenführung von zwei etablierten Hilfesystemen - nämlich die der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe. Und dies bis spätestens 2028!

Angesichts dieses straffen Zeitplans ist klar: "Der größte Fehler wäre abzuwarten", so Dr. Britze in seinem Impulsvortrag, denn vieles ist zu tun, die nächsten 6 Jahre müssten gut genutzt werden.
Die Probleme sind jedoch vielfältig: Denn keines der bestehenden Hilfesysteme sollte dem anderen übergestülpt werden, nichts Bewährtes und Funktionierendes sollte verloren gehen.
Doch genau hier sind die Bedenken vieler Beteiligten groß und deutlich spürbar. Somit sollte man erwägen, aus zwei Systemen mit einer jeweils eigenen Logik ein Drittes System entstehen zu lassen.

Hierfür braucht es vor allem gemeinsame Schnittstellen, gute Abstimmungsprozesse, klare überregionale Verfahrenswege und gemeinsame Begrifflichkeiten -im Sinne der jungen Betroffenen gedacht und entwickelt. Und, ganz wesentlich: Getragen von einer gemeinsamen Haltung, getragen von gegenseitigem Grundvertrauen, denn "es geht nur aktiv, es geht nur miteinander!", so Dr. Britze.

Auch über diese basalen Schnittmengen hinaus steht eine inklusive Kinder- und Jugendhilfe vor großen Herausforderungen: Denn auf vor allem auf der Steuerungsebene der Hilfeprozesse wird der Personalbedarf wohl massiv ansteigen - ein großes Problem hinsichtlich des akuten Fachkräftemangels. Als Folge hieraus werden neue Berufsprofile, ein neues gemeinsames Verständnis inklusiv ausgerichteter pädagogischer Arbeit benötigt - auch in Bayern muss dies auf den Weg gebracht werden.

Eine weitere Problemstellung, die zukünftig an Bedeutung gewinnen wird, liegt im Zugang zu Informationen und zu Wissen. Denn aktuell fehlen der Kinder- und Jugendhilfe das Know-How und Expertise im Bereich der Eingliederungshilfe. Somit wird ein umfassendes Wissensmanagement für Jugendämter, Träger und Einrichtungen benötigt.

Und genau dies ist eines der Ziele der internen LVkE-Veranstaltungsreihe zur KJSG-Reform: Information und Wissen vermitteln, den Trägern und Einrichtungen die erforderlichen Bausteine für die weitere fachliche Entwicklung an die Hand geben.
Das digitale Format, eröffnet vom stellvertretenden LVkE-Vorsitzenden Joachim Nunner und moderiert vom LVkE-Vorstandsmitglied Frank Baumgartner, regte die 50 Teilnehmenden zu vielfältigen Fragestellungen und intensiven Diskussionen an - vor allem zu den Punkten Fachkräfteentwicklung und bereichsübergreifender Aufbau von Fachkompetenz. Denn welche Konsequenzen haben diese Punkte für die pädagogische Arbeit, welche strukturellen und inhaltlichen Veränderungen müssen angegangen werden?
Klar ersichtlich wurde allen Beteiligten, dass öffentliche und freie Träger, sowie die Einrichtungen selbst nicht umhinkommen werden, sich mit diesen wichtigen Fragestellen künftig vermehrt auseinandersetzen zu müssen.

Erste wichtige Schritte wurden hierfür bereits getätigt: Denn schon bald wird in zehn bayerischen Kommunen ein Modellprojekt zum Verfahrenslotsen durchgeführt, aus dem fachliche Empfehlungen abgeleitet werden sollen - eine gute Chance, kommt durch diese neue Stelle doch das Know-How der Eingliederungshilfe in die Jugendämter.

Gegen Ende seines Vortrages reflektierte Dr. Britze noch den aktuellen Stand des bayerischen Modellprojekts zum Ombudschaftswesen in der Kinder- und Jugendhilfe. Hier sei nun "Halbzeit", und erste Tendenzen und Erkenntnisse können benannt werden: So sei das Echo auf diese vollkommen neue Anlaufstelle durchweg positiv, auffällig sei jedoch, dass sich nicht nur betroffene Kinder- Jugendliche und deren Familien an die Ombudsstellen wenden, sondern vielerorts auch Fachkräfte von freien, aber auch öffentlichen Trägern, z.B. aus den Jugendämtern selbst - ein durchaus bemerkenswerter Umstand!
Am 07.11. diesen Jahres wird ein Fachtag des ZFBS stattfinden, in dessen Rahmen eine erste Zwischenbilanz vorgestellt werden soll - der LVkE bleibt an diesem wichtigen Thema dran!

Die Träger und Einrichtungen stehen zweifellos vor gewaltigen Herausforderungen - doch eines bleibt am Ende festzuhalten: Eine wirksame inklusive Kinder- und Jugendhilfe ist nicht nur eine Frage der Fachlichkeit, sondern auch der eigenen Haltung sowie des gegenseitigen Vertrauens. "Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen!" Mit diesem Zitat des deutsch-iranischen Schriftsteller Navid Kermani schloss Petra Rummel, Geschäftsführerin des Landesverbands, die Veranstaltung.